Auf den Neujahrstag 1839

Ein freies Volk gedenkt der kühnen Tage,
Da seine Freiheit siegreich ward erstritten;
Ein sklavisch Volk kriecht hin zum Sarkophage
Der Fürsten, unter denen es gelitten:
Die Sklaven ehren, was sie ehren müssen;
Der Freie achtet nur, was achtungswerth;
Der schönste unter allen Hochgenüssen,
Ist ihm die Freiheit, die den Menschen ehrt.

Ruft’s durch die Thäler, durch die Berge, Klüfte,
Lasst’s donnernd durch das Vaterland erschallen,
Erfüllt mit Jubelruf die reinen Lüfte:
Die Ketten der Tyrannen sind gefallen!
Lasst, meine Brüder, lasst Euch heute mahnen,
An jenen Tag, der Freiheit uns gebar!
Seht Ihr, sie zieh’n, die Geister unsrer Ahnen,
Die Freiheit uns erkämpft am neuen Jahr.

Im Grütli traten innig sie zusammen,
Sich frei zu streiten, oder frei zu sterben;
In Ihnen loderten der Freiheit Flammen:
‘Die Sklaven-Ketten müssen wir verderben!
‘Erhör’ uns, Gott, lass unsre That gelingen!
‘Gib uns die Kraft, uns fehlet nicht der Muth!
‘Das alte Recht nur wollen wir erringen;
‘Wir wollen Freiheit, nicht der Dränger Blut!

‘Für Alle Jeder, und für Jeden Alle!
‘Fest wollen wir, wie unsre Berge stehen.
‘Die Tyrannei, wir bringen sie zu Falle!
‘Herr, Gott, erhöre unser innig Flehen!’
So schwuren sie, und Keiner trat zurücke;
Durch Eintracht nur gelang die kühne That.
Die Väter waren bieder, ohne Tücke;
Stark im Vollführen, klug und weis’ im Rath.

Ehrt Eure Ahnen, Brüder, hoch und strebet,
In Rath und That Euch würdig stets zu zeigen!
Auch Euern ärgsten Gegneren vergebet;
Denn so allein bleibt Freiheit unser eigen!
Auf Eintracht nur beruht des Volkes Stärke;
Ein Wille sei in Frieden und in Krieg!
Dadurch gedeih’n der Väter edle Werke,
Nur Eintracht führte sie zum stolzen Sieg.

Heil Ihnen, Heil! Unsterblichkeit den Namen
Der Helden! welche Freiheit uns errungen!
Die Zwietracht sink’ in Staub, in Nichts zusammen;
Eins seien wir, ob von verschied’nen Zungen!
Reicht Euch die Hände, durch Versöhnung ehret
Die Väter; bringt dem Vaterlande dar,
Als schönste Gabe, die ihm Heil bescheret,
Eintracht auf ewiglich, zum neuen Jahr!

[Donner, 1935]